“Fregatte

Kapitel 20 F225 “Los jagt ihn”

Nächste Woche wollen sie hier das Fahren mit der Flotte üben. Es sind ca. siebzig Kriegsschiffe angekündigt worden. Das Manöver wird den Namen „Save Past 76“ haben. Sieben Schiffe sollen uns am Ende der Übung bis Halifax begleiten.
Bei Windstärke sechs bis sieben auf dem Atlantik, unter Manöverbedingungen, war das Leben an Bord nicht gerade das angenehmste. Der gerade im Tagebuch beschriebene Verband fuhr mit hoher Geschwindigkeit die Ostküste hinauf. Von Küste konnte man eigentlich nicht mehr sprechen, diese war dreihundert Seemeilen entfernt. Die Braunschweig umkreiste, wie beschrieben mit hoher Geschwindigkeit alle Schiffe. Ein „russisches Feindschiff“, in diesem Fall eine kanadische Korvette, hatte den Auftrag einen Flugzeugträger in der Mitte des Verbandes an zu greifen. Sie tauchte plötzlich aus dem Nichts auf und kam im neunzig Grad Winkel auf die Braunschweig zu gerast. „Himmel Arsch und Zwirn. Sofort Backbord beidrehen. Dieser verdammte „Russe“ will uns die Breitseite aufreißen. Maschinen volle Kraft voraus.“ Der Kapitän war außer sich. Die Korvette kam stumpf auf die Braunschweig zu gefahren. Sie machte keine Manöver um aus zu weichen. Die beiden Schiffe waren noch dreihundert Meter voneinander entfernt. Da fing die Korvette endlich an ab zu drehen. Aber es war schon zu spät. Die hohe Geschwindigkeit hatte zur Folge, dass sie mit ihrem Heck zwar noch rum kam, die Braunschweig aber noch knutschte. Der Turbinenansaugschacht und Geschütz drei, beides auf Steuerbordseite, wurden erheblich beschädigt. Die Besatzung hatte noch einmal Glück gehabt. Beschädigungen unter der Wasseroberkante waren nicht zu verzeichnen. Das Manöver wurde mit unverminderter Härte weitergeführt. Der IO meinte:“ In Wilhelmshaven müssen wir wohl rückwärts oder bei Nacht und Nebel einlaufen. Ist das peinlich.“
Als Jan nachts durch sein Schiff patrouillierte um seine Temperaturen, Drücke usw. zu notieren, machte er auch einen kleinen Abstecher über die Brücke. Unten erfuhr man ja sonst nicht, was oben so los war. ……„Sehen sie das meine Herren, dieser verdammte Russe. Da vorne ist er wieder. Der versucht doch schon wieder in den inneren Kreis rein zu kommen. Na warte Bürschchen. Heute Morgen hast du versucht mein Schiff zu versenken. Jetzt versenken wir dich. Los jagt ihn!“ Die ganze Brückencrew starrte gebannt auf das grünlich schimmernde Radar. Jan war oben am Treppengeländer stehen geblieben und traute seinen Ohren nicht. Die denken ja wohl das hier alles war ist. Mensch Leute, der ganze Scheiß hier ist eine Übung. Macht bloß kein Blödsinn, dachte er. Da die Brücke auf einem Kriegsschiff relativ dunkel ist, bemerkte ihn keiner. „Los, wir überholen ihn und fahren dann volle Pulle in seine Breitseite. Das Schwein versenken wir.“ Die Korvette hatte mitbekommen, dass sie verfolgt wurde. Urplötzlich wurde der Abstand zwischen den Schiffen größer. Der kanadische Kapitän hatte Lunte gerochen und ließ sein Schiff mit größter möglicher Geschwindigkeit eine große Rechtskurve fahren. Die Braunschweig war nicht mehr in der Lage zu folgen. „Dieses feige Schwein. Nun zieht der den Schwanz ein und verpisst sich. Ist wohl auch besser so, der wäre uns sonst beim Crash noch abgesoffen. Ha, ha, ha.”

Kapitel 19 F225 Ladys suchen Jaansen

Von Roosevelt Roads fuhr die Standing Navel Force Atlantic weiter nach San Juan. Jan hatte mal wieder Pantrywache. Das ganze Schiff war an diesem Sonntagmorgen wie ausgestorben. Fast alle genossen den Landgang. Normalerweise hätte Jan auch an Land gehen können, von den Bootsleuten war sowieso niemand an Bord. Aber, so hieß es, „wenn einer von uns zurückkommt, dann braucht er einen Pantry (Steward) zum Bedienen. Außerdem hatten sie ja in New Orleans mehr Landgang als alle anderen.“ Gegen dieses Argument konnte man sich nicht durchsetzen. Jan hatte sich ein Buch geschnappt und es sich auf dem Heizerdeck bequem gemacht. „Ruf mich doch bitte aus, wenn einer von meinen Herren an Bord kommt“, hatte er der Wache mitgeteilt. „Klar, kein Problem, leg dich in Sonne. Jan war gerade ein wenig eingenickt, als eine Lautsprecherdurchsage ihn aufschreckte. „Obergefreiter Webau mit Beeilung auf die Pier, Damenbesuch.“ Diese Durchsage kannte er ja schon. Wenige Augenblicke später war er auf der Pier. Eine braungebrannte Schönheit erwartete ihn. Von Manu weit und breit nichts zu sehen. „Hallo Sailor, I like to see Mr. Jaansen. He is my friend.” Jaansen, das war doch der E-Meister. Dieser war natürlich irgendwo an Land. Jan hatte sofort einen Plan.

Besser mit der Freundin vom E-Meister in der Bootsmanspantry sitzen als alleine in der Sonne schmoren.

“Come on, follow me. Jaansen comes bag in the next time.” Hoffentlich bleibt der noch lange weg, dachte Jan und führte die junge Dame in die Pantry.

Sie wollte gleich ein German Beer haben. War alles kein Problem. Jan hatte in der Pantry die Möglichkeit alles zu besorgen was das Herz an kulinarischen Genüssen verlangte. Er hatte die Strichliste von Jaansen aus dem Schrank geholt und schrieb das Bier auf. Die Puertoricanerin konnte kein Englisch und Jan kein spanisch. Ein Dialog kam trotzdem mit Händen und Füßen zustande.

Obergefreiter Webau mit Beeilung auf die Pier, Damenbesuch.“ Nu is aber gut, wer will denn schon wieder was von mir? Die gleiche Szenerie wie Minuten zu vor, wiederholte sich. Eine junge Frau wollte zu Jaansen. Sie erklärte eine Freundin von ihm zu sein. Du alter Schwerenöter. Sonst erzählst du nur immer was vom Ohm’schen Gesetz und weißt nicht einmal, dass es auch was anderes wie Männer gibt. Und hier kommt eine Lady nach der anderen, dachte Jan und dirigierte seine neue Dame in die Pantry. Um es kurz zu machen, drei weitere Inselschönheiten trafen innerhalb der nächsten halben Stunde ein und wollten zu Jaansen. Es stellte sich heraus dass sie Jaansen alle bei einer seiner früheren Fahrten nach Puerto Rico kennen gelernt hatten. Jan war nun der Hahn im Korb. Wenn die Strichliste für fünf Frauen reichte, dann würde Jaansen bestimmt nicht dagegen haben für ihn auch einige Bier aus zu geben. Die Frauen schnatterten alle durcheinander und Jan konnte immer nur das Wort Jaansen identifizieren.

Nach einigen Stunden kam der Casanova Jaansen von Land zurück. „Mann Webau, warum haben sie mich nicht vorgewarnt? Klar kenne ich die ganzen Weiber hier. Aber alle auf einen Haufen. Das gibt ein Unglück. Egal, nun sind schon mal alle hier und sie vertragen sich ja auch ganz gut. Geben sie mir auch eins von den gezapften Bieren.“

 

Kapitel 17 F225 Seeigel sind harmlos

Der Verband setzte seine Fahrt in Richtung New Orleans fort.
Der Doc riet allen mit dem Sonnenöl nicht zu sparen. Die Temperatur in den Decks der Braunschweig wurde immer unerträglicher. Die Klimageräte kamen gegen die hohe Luftfeuchtigkeit der Karibik nicht mehr an. Wer wach frei hatte war nur noch auf den ihm zugewiesenen Decks zu finden. Jan seine Heizerei hatte dieses
Deck hinter der Schornsteinschräge.

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Kapitän hat seine Flöte verloren. Wenn sie sich bis zum nächsten Hafen nicht wieder einfindet, dann kostet das unseren Landgang. Was bildet der sich bloß ein. Heute wollen wir durch die Floridastraße in den Golf von Mexiko einlaufen. Die ersten fliegenden Fische gesehen. An Oberdeck wird ein Swimmingpool aufgebaut. Um 18 Uhr konnte man Miami im Abendrot sehen. Man hat heute meine Pantryzeit noch einmal auf unbestimmte Zeit verlängert.
Heute fahren wir den Mississippi aufwärts. Dreckiges Wasser. Um 15 Uhr 9 am zehnten Februar legen wir im dreier – und zweier – Päckchen mitten in der Stadt an. Die haben von einer russischen Reederei einen Liegeplatz gemietet. Da die Russen den Platz am Wochenende selber brauchen hauen wir Samstagmorgen gegen fünf hier wieder ab. Dies wird die erste Stadt auf unserer Tour mit einem geilen Ambiente.

Am fünfzehnzehnten Februar befinden wir uns zwanzig Seemeilen nordwestlich von Kuba. Die Lufttemperatur beträgt 24°, die Wassertemperatur 23°. Aus Deutschland wird starker Schneefall und Eisglätte gemeldet. Aus den Lüftern kommt selbst bei Kaltstellung nur warme stickige Luft.
Donnerstag wollen wir Roosevelt Roads einen Marinestützpunkt auf Puerto Rico anlaufen. Freitag boxt Casus Clay in San Juan. Die gnädige Schiffsführung hat es tatsächlich geschafft Karten im Voraus zu besorgen.
Die Eintrittskarte mit Original Tagebuchtext:

2Am neunzehnten Februar 1976 auf Puerto Rico angelegt. Tagesdienstanzug für alle weiß. Erster Eindruck: azurblaues Wasser, hügelige Gegend, strahlender Sonnenschein, knallblauer Himmel. Die Pier ist wohl noch aus Columbus Zeiten! Nur Holzbohlen die zusammengenagelt sind. Aber schön ist es hier.
Der Verbands-Kommodore hatte eine Beach Party für den nächsten Tag angesetzt. Es gab frei essen und trinken (saufen). Jedes Schiff steuerte seinen Teil an Verpflegung bei. Zwischen diesen Gelagen wurden Strandspiele veranstaltet. z.B.: Die Mannschaften zogen einen hundert Meter langen Tampen über den Strand. Dreißig Leute in die eine Richtung, gegen dreißig Leute die zur anderen Seite zogen. Es gab eine Menge Gaudi.
Jan und seine Jungs hatten bald eine kleine Insel, ungefähr dreihundert Meter vom Strand entfernt, entdeckt. Man wollte doch zu gerne wissen was auf der Insel los war. Mit fünf Leuten schwammen sie dann auch rüber.
Ab hier wieder ein Ausschnitt aus Jans Tagebuch:
Der Landgang wurde an diesem Nachmittag zum Baden benutzt. Der Kommodore hatte zwar eine Strandparty angesetzt, wir sind aber gleich zu einer kleinen Insel rüber geschwommen. Einige meiner Kameraden und ich wollten die Insel „erobern.“ Im Wasser konnte man den Meeresboden erkennen, das Wasser war herrlich warm. 50 m vom Inselstrand wurde das Wasser wieder flacher und der erste von uns wollte an Land gehen. Er schrie auf: „Aua, au, HILFE“ und fiel ins Wasser zurück. Da alle anderen Zeitgleich auch Grundberührung hatten schrien sie auch alle um Hilfe und fielen hin. Nun sahen wir es alle. Kleine schwarze und dunkelgraue Seeigel lagen dicht an dicht am Meeresboden. Keine Chance irgendwie dazwischen zu treten. Die Stacheln bohrten sich in die Füße und bei jedem der hinfiel in die Handflächen. Innerhalb weniger Sekunden setzte eine lähmende Wirkung ein. Ich konnte meine Arme und Beine kaum noch bewegen. Wassertiefe vielleicht noch ein halber Meter. Auf allen vieren krochen wir durchs Wasser und die Seeigelstacheln setzen sich am ganzen Körper fest. Über mir schwappte das Wasser und Luft zu bekommen fiel mir immer schwerer. Gedanken jagten durch den Kopf. Die anderen sah ich nicht mehr obwohl sie nur einige Meter von mir entfernt waren. „Sollte das hier das Ende sein, verrecken im Wasser vor so `ner scheiß Insel“ dachte ich. Statt atmen nur noch Wasser schlucken. Meine Kräfte ließen nach und ich war dabei, dass Bewusstsein zu verlieren. Irgendeine Stimme hämmert in meinem Kopf „Du Idiot, bist gerade 20 und kommst nicht gegen so`n paar blöde Seeigel an. Mann, reiß dich zusammen. Los, weiter, 10 m noch dann hast du`s geschafft, LOS, KOPF ÜBER WASSER HALTEN; ATMEN, schlafen kannst du später!”!! Die kleinen Wellen umspielten noch den Bauch, der Kopf war außerhalb vom Wasser und es gab wieder Luft, lebenswichtige Luft zum Atmen. Meine Kameraden lagen nacheinander auch alle neben mir. Die Lähmungserscheinungen ließen nach einer Stunde nach und wir konnten auf der dem Land abgewandten Seite wieder zurückschwimmen, hier war die Strömung so groß, dass sich diese verfluchten Seeigel nicht am Grund halten konnten.
Als sie alle wieder an Land waren hatten sie ein großes Maul. „Klar sind da Seeigel. Da tritt man drauf und die Biester platzen auseinander. Müsst ihr auch mal rüber schwimmen.“ Von den schmerzenden Stacheln in der Haut sprach keiner. Da Jan auch eine von den Boxkampfkarten ergattert hatte ging es nach einem kleinen Drink schnell zum Schiff zurück. Duschen, umziehen, in einer Stunde sollte der Bus kommen. Der Kampf Clay gegen Coopman endete nach der siebenten Runde mit einem KO-Schlag. Clay hatte seinen Weltmeistertitel behalten.

Kapitel 16 F225 Einlauf Charleston

Am dreiundzwanzigsten Januar 1976 war ca. fünf Seemeilen voraus Land zu sehen: Amerika. Im Radio wurden die ersten Sender empfangen. Langsam, Schiff für Schiff fuhr der Verband in den Hafen von Charleston ein. Ein Lotsenboot des Hafenmeisters sorgte für den reibungslosen Ablauf. Anlegen wie gehabt, zuerst die Coonts, zum Schluss die Braunschweig. Jan war auch an Oberdeck und wunderte sich, dass das Lotsenboot „Charleston Pilot“ hieß. Er war immer noch der Meinung, dass der Verband Norfolk anlaufen würde. Seine Erkrankung hatte der Doktor am Morgen für beendet erklärt.

„Wenn wir in Charleston fest sind, dann ist für heute Großreinschiff. Am Sonntag haben wir Tag der offenen Tür. Wir erwarten einige tausend Besucher………..“ Der Lautsprecher gab noch mehr bekannt aber Jan hörte nicht mehr hin. Was hatte der da gerade gesagt? Charleston? Jan dachte zu träumen. „Los, schütt` mir das Wasser ins Gesicht. Mach schon“, sagte er zum nächststehenden. Dieser hatte sich gerade ein Glas mit frischem Wasser aus der Leitung besorgt. „Ist dir die schwüle Luft zu Kopf gestiegen oder was ist los?“ Nee, nee, ich muss nur wissen ob ich träume oder wach bin. Los, Wasser ins Gesicht!“ Ehe er sich versah hatte er die ganze Ladung im Gesicht. „Danke Kumpel, du hast mir einen großen Dienst erwiesen.“ Der Kamerad schüttete nur den Kopf und holte sich neues Wasser.

Viertel vor zehn in Charleston festgemacht. Das war vielleicht eine Überraschung für mich. Hatte ich beim Doc vorher nicht mitbekommen. Strahlender Sonnenschein. Wir sind in der Nacht wieder zum Natoverband gestoßen. Muss heute an Bord bleiben. Pantrywache.

In Charleston waren wir 3 Wochen, keine besonderen Vorkommnisse, außer, das Bier schmeckt hier nicht.

 

Kapitel 15 F225 Ruderversager Keine Übung

Entweder spät in der Nacht oder morgen früh laufen wir Hamilton, Hauptstadt der Bermudas an. Hier ist übrigens das berühmte Bermudadreieck zwischen New Orleans, Bahamas und den Bermudas. Auf diesem Stückchen Wasser verschwinden, so sagte man uns, manchmal Schiffe und Flugzeuge auf unerklärliche Weise. Das kann ja noch lustig werden. Die Wassertemperatur betrug heute 20°. Von Hamilton soll es dann nach Norfolk weiter gehen.

Hamilton war ein Provinzkaff. Ab ein Uhr Nachts hatten alle Landgänger schon ihren Horchposten auf der Matratze.

Frauen waren in den Kneipen nicht vertreten. Am zwanzigsten Januar wollte der Natoverband Richtung amerikanisches Festland auslaufen. Die Reihenfolge der Abfahrt war immer die gleiche. Die Amerikaner mit ihrem Zerstörer Coonts zuerst, dann die Kanadier, Engländer, Holländer und zum Schluss die Fregatte Braunschweig. Die größten zuerst, die kleineren Schiffe zum Schluss.

Alle, außer Fregatte Braunschweig, hatten schon das Hafenbecken verlassen und fuhren als Formation Richtung offene See. Eine hektische Durchsage auf der Braunschweig brachte den Abfahrtstermin total durcheinander.

„Ruderversager! Die Notruderbesatzung mit Beeilung in den Ruderraum. Dies ist keine Übung. Wir haben Ruderversager! Maschine volle Kraft rückwärts.“ Jan hechtete an Oberdeck und sah die Bescherung. Die Fregatte fuhr mit einem großen Halbkreis genau auf die gerade verlassene Pier zu. Die Notruderbesatzung bestand aus acht Leuten welche bei Ruderversager das Ruder über ein großes Handrad bedienen konnte. Die Drehrichtung wurde über Lautsprecher von der Brücke vorgegeben. Dreihundert Meter vor der Pier kam die Fregatte mit ihrem Heck endlich herum und fuhr wieder mit einem Halbkreis Richtung Hafenbecken. Der Umkehrschub der Schrauben kam nun auch zur Geltung, die Fregatte verlor an Fahrt. Ganz vorsichtig wurde sie an der kurz zuvor verlassenen Pier wieder angebunden.

Es stellte sich schnell heraus, dass eine Reparatur mit Bordmitteln nicht möglich war. Eine hydraulische Steuerungseinheit war direkt am Übergang zum Ruder abgerissen.

„Meine Herren, wir müssen noch einige Tage hier bleiben. Ein Monteur aus Deutschland kann frühestens morgen am späten Nachmittag hier mit dem Ersatzteil eintreffen. Teilen sie ihre Wachen so ein, dass jeder einmal in den Genuss eines etwas längeren Landgangs kommt. Wir sagen ihnen früh genug Bescheid wann es weiter geht. Der Verband fährt erst Mal ohne uns weiter Richtung Ostküste.“ Mit diesen Worten schloss die allgemeine Borddurchsage des Kapitäns. (Das war übrigens Konrad Ehrensberger, einige von Euch werden sich erinnern.) Jan freute sich. Wer konnte sich schon Urlaub auf den Bermudas erlauben. Er empfand die nächsten Tage als solchen. Nach Vier Tagen hatte der Monteur der Ruderanlage (er war speziell aus Deutschland eingeflogen worden) das Problem gelöst und die Braunschweig fuhr dem Natoverband am frühen Morgen hinterher.

Wir fahren als Piratenschiff. Draußen fetzt es wie blöde. In der Nacht hat es die Flaggen vorn und achtern runter gerissen. Vorn ist der Flaggenmast abgebrochen. Reling vom B-Deck ist abrasiert. Frischwassererzeuger ist verreckt. Scheiß Bermudadreieck. Soll leider zwei bis drei Tage beim Doc auf Station bleiben. Ist so eine Art Karantäne. Angeblich könnte ich die anderen anstecken. Habe mir so eine Durchfallerkrankung eingefangen.

Am Nachmittag dieses Tages hatte sich das Wetter wieder beruhigt und das Oberdeck durfte wieder betreten werden. Der Kapitän lud zu einer lockeren Musterung auf dem Achterschiff ein. “Wir hatten, wie sie mitbekommen haben, eine ganze Menge Trubel. Die Ruderanlage ist wieder in Ordnung, dafür ist einer von unseren zwei Frischwassererzeugern ausgefallen. Bis zum Festland müssen wir nun mit einem auskommen. Ich glaube die Amis können uns das schnell reparieren. Ach ja, ehe ich es vergesse, der Kommodore unseres Verbandes hat eben eine Kursänderung befohlen. Wir werden nicht nach Norfolk fahren um uns mit den anderen zu treffen sondern Charleston anlaufen. Alle Schiffe des Verbandes werden dort auch einlaufen. Dort bleiben wir für einige Tage. Wir werden fast täglich morgens raus fahren und abends wieder im Hafen sein. So, das war’s. IO lassen sie wegtreten.“ Jan bekam von dieser Musterung auf seiner Krankenstation nichts mit.

Kapitel 14 F225 Frisör bekommt Berufsverbot

Zwei Minuten nach ein Uhr, am 6. Januar 1976 legte die Braunschweig zur Standing Navel Force Atlantic 1976 ab.

 

Ab nun haben wir das Glück, Jans Tagebuch manchmal in diese Geschichte mit ein zu beziehen, es wird dann kursiv geschrieben:

Siebenter Januar. Wir fahren mit fünfzehn Knoten. Gegen sechs Uhr sind wir auf Höhe Rotterdam. Gegen siebzehn Uhr soll Dover passiert werden. Ab dann gibt es wieder erhöhte Bordzulage. Morgen sollen wir auf die englische und holländische Fregatte stoßen. Einen Tag später sollen die Kanadier und Amis auch dazu kommen.

Am folgenden Montag erreichte der Schiffsverband gegen neun die Azoren. Draußen war schwere See und der kleine Hafen San Miguel trotzte dem Wetter in besonderer Weise. An einer zwanzig Meter hohen   natürlichen Hafenmauer aus Felsen brachen sich Seewärts die Atlantikwellen. Die Gischt wehte oben über weg und hüllte die Schiffe in einen künstlichen Nebel. Hier wurde noch einmal Kraftstoff übernommen. Landgang war hier für alle gestrichen. Nach sechs Stunden Hafenaufenthalt sollte es weiter Richtung Bermudas gehen. Jan und alle anderen drückten sich auf der Pier herum. Ein einheimischer Händler hatte die Situation sofort erkannt und stellte seinen fahrbaren Trödelladen auf. Man konnte von sauren Gurken über Shampoo und Dosenbier hier alles bekommen. Ein besonderer Service des Mannes bestand darin, Postkarten und Briefmarken zu verkaufen. Die Seeleute sollten die Karten beschreiben, er würde dann nach Kauf der Briefmarken dafür sorgen, dass sie abgeschickt werden. Jan erfuhr später von allen die gleiche Story. Keine einzige Postkarte war an ihrem Bestimmungsort angekommen. Der Händler hatte sie alle in den Müll geworfen. Als die Schiffe schon wieder auf dem Atlantik waren kam der nächste Betrug heraus. Alle hatten beim Trödler eine „echte, goldene Schweizer Uhr“ erstanden – mit Zertifikat. Sie zeigten sie stolz herum. Bald stellte sich heraus, dass es eine billige Imitation aus vergoldetem Aluminium war. Alle Uhren hatten die gleiche Seriennummer. Am nächsten Tag funktionierte keine mehr. Alle schworen, dem Händler eins auf die Fresse zu hauen, sollten sie jemals wieder hier her kommen.

 

Den ganzen Tag über hatten wir herrlichen Sonnenschein. Die Uhr wurde heute schon das dritte Mal um eine Stunde zurückgestellt. Tagsüber auf der Heizerwiese gesonnt, abends auf derselben den schon etwas südlicheren Sternenhimmel beobachtet. Wir fahren genau Richtung Westen. Kann man abends sehen, wenn die Sonne genau über der Bugflagge untergeht.

„Hier spricht der STO. Die gesamte Heizerei, Unteroffiziere und Mannschaften sofort zu einer Spezial Musterung auf dem Achterschiff erscheinen. Beeilung meine Herren. In Drei Minuten will ich sie sehen!“ Diese Lautsprecher-Durchsage brachte alle auf Trapp. Innerhalb der gesetzten Frist waren sie an Oberdeck. „ Meine Herren stehen sie locker. Ich habe ihnen etwas erzählen. Wie sie wissen haben wir hier an Bord einen sogenannten Bordfrisör.“ „Ja Herr Kaleu“ „Meine Herren, sie wissen, meine Haarpracht ist nicht mehr die meiste.“ „Ja Herr Kaleu.“ Ein allgemeines leises Gelächter setzte ein. „Sie sollen ja auch zu diesem Menschen gehen um sich ein wenig auf dem Kopf pflegen zu lassen.“ „Ja Herr Kaleu.“ „Sehen sie mich an.“ Der STO nahm seine Schirmmütze ab und das bis hierhin verhaltene Gelächter brach in ein schallendes Lachen aus. Überall am Kopf waren irgendwelche Zinken rein rasiert. Ohne es aus zu sprechen wussten alle, dass er ohne Mütze sich so die nächsten Wochen nicht mehr sehen lassen durfte.“ Meine Herren, sie sehen, dieser Frisör hat mich verschandelt. Absolut versaut hat der meine wenigen Haare. Sie brauchen ab sofort nicht mehr in dem seine Sprechstunde zu gehen. Ich will nicht, dass dieser Mensch ihnen die Haare schneidet. Sie brauchen auch demnächst an Land nicht zum Frisör zu gehen. Sie kennen alle die Sprache nicht und wenn sie da auch so einem Chaoten begegnen – mag ich gar nicht dran denken. Womöglich werden sie dann auch so verstümmelt. Also, noch einmal: Sie sind ab sofort vom Frisörbesuch bis Wilhelmshaven befreit. Und das sind noch einige Monate. Betrachten sie meine soeben gemachten Ausführungen als Befehl. Wegtreten.“ Der STO setzte seine Mütze wieder auf und seine Leute gingen grinsend und feixend wieder an ihre Arbeit.

 

Kapitel 13 F225 Ab sofort Pantry

Das Schiff wurde in der Zeit nach Portland für die große Atlantikfahrt ausgerüstet. U.a. wurden etliche Fässer Becks in den verschiedenen Decks deponiert. An Kondomen sollte auch nicht gespart werden. Jan schätzte dreitausend Stück in den kleinen Kartons, welche von Mann zu Mann weitergereicht wurden um dann im Sanbereich zu verschwinden.

Am fünften Januar 1976 hatte Jan, wie schon erwähnt, Ausgang bis zum Wecken. Die Silberhochzeit seiner Tante Ingeborg und seines Onkels Herrmann waren angesagt. Einen Tag später war Abfahrttag der Fregatte. Jan feierte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Im Nacken immer den Countdown der Abfahrtszeit.

Jans Vater brachte ihn morgens gegen halb fünf zum Bahnhof. Er wünschte ihm noch alles Gute, dann fuhr der Zug auch schon los. Die Fahrkarte auf den Bauch gelegt und schlafen, nur noch schlafen. Der Zug fuhr direkt nach Wilhelmshaven. „Du musse aussteigen. nix mehr schlafen. Will saubermachen. Los aufstehen, Du.“ Mit diesen Worten wurde er unsanft aus seinen schönsten Träumen geweckt. Der braungebrannte Mann einer Reinigungskolonne schaute ihm ins Gesicht. Der ganze Zug stand schon auf dem Abstellgleis in Wilhelmshaven, fernab von jedem Bahnsteig.

Mit großer Mühe fand Jan den Weg zu einem Taxi. „Bringen sie mich bitte direkt zur Braunschweig.“ „Unmöglich, die lassen mich mit meinem Taxi nicht ins Arsenal.“ „Zwanzig Mark extra wenn sie mich zum Schiff bringen.”.. „So, aussteigen junger Mann. Wir sind an ihrer Fregatte.“ Jan bezahlte und sah verdammt viele Kameraden auf dem Schiff stehen. „Na Webau, einen über den Durst gesoffen was? Sehen sie zu, dass sie sie Ihre Dienstklamotten ankriegen. Dann melden sie sich in der Bootsmanspantry.“

karl heinzBiggerts Worte klangen wie Kanonenschläge in den Ohren. Verfluchte Scheiße, dachte Jan. Nun hatten sie ihn für diesen Pantry Dienst aus gekuckt. Dieser Dienst beinhaltete das bedienen der Bootsleute. Man sorgte für das Frühstück, Mittagessen, und Abendbrot. Zwischendurch war man natürlich auch noch der Steward für diese Bagage. Bier ran schleppen, Kombüse der Bootsmesse und diese selbst sauber halten. Einen Vorteil hatte dieser Dienst. Man war von den allgemeinen Wachdiensten befreit. Die vier Wochen werde ich schon rumkriegen ging es Jan durch den Kopf als er sich in der Messe meldete.

 

Kapitel 12 F225 Rückfahrt nach Schlicktown

Die letzte Woche in Portland verging sehr schnell. Es wurden noch einige abschließende Manöver gefahren, mit dem Resultat dass die englischen Checker sehr zufrieden waren. Am späten Donnerstagnachmittag kamen folgende Befehle über den Bordlautsprecher: „Turbinenmeister mit Beeilung an die Turbinen. Turbinen startklar machen. Befehl an Maschine: Volle Fahrt voraus. Unsere Zeit in England ist vorbei und wir wollen schnell nach Wilhelmshaven zurück, zu Mutti.“ Diese Durchsage des Kapitäns löste einen allgemeinen Freudentaumel aus. Die Schrauben fingen an zu drehen und waren innerhalb weniger Minuten auf Höchstgeschwindigkeit. Die Turbinen waren inzwischen auch hochgefahren und wurden zur Antriebsverstärkung zu geschaltet. Diese Rückfahrt kostete richtig Steuergelder. Einige zehntausend Liter Diesel wurden pro Stunde verheizt. In Jans Deck (II Z2) war in dieser Nacht an Schlaf nicht zu denken. Da sich die Schrauben direkt darunter befanden war ein ohrenbetäubender Lärm hier die Folge von den schnellen Schraubendrehungen. Wer sich trotzdem ein wenig hinlegte, musste sich mit beiden Händen an der Kojenreling links und rechts festhalten um nicht durch die Vibrationen herausgeschüttelt zu werden. Mit den Füßen wurde das gleiche Manöver versucht.

Auf der Höhe von Norderney wurde das „Rennboot Braunschweig“ wieder zum normal fahrenden Schiff.
„Meine Herren, in zwei Stunden kommt die schwarze Gang vom Zoll an Bord. Füllen sie bitte die ihnen ausgehändigte Zollerklärung aus. Wenn sie etwas einführen was den Zollbestimmungen unterliegt, dann melden sie das. Und verstecken sie nichts Illegales. Die Schwarzen finden alles. Es ist übrigens Dienstfrei bis Montag für alle wachfreien wenn das Schiff alle Landanschlüsse hat. Sollten sie noch nach Hause fahren, dann seien sie vorsichtig. Im Wetterbericht haben wir gerade gehört, dass die Straßen vereist sein sollen.“ Nach dieser Durchsage konnte natürlich niemand mehr schlafen. Die Zollerklärungen wurden ausgefüllt und wirkliche Zollware an den bekannten Verstecken unter den Flurplatten deponiert. In diesem Fall war das meist in England gekaufter schottischer Whisky. Die Zollbeamten kamen an Bord, sammelten die Erklärungen ein, wünschten eine gute Heimreise und waren nach einer halben Stunde wieder mit ihrem Zollkreuzer verschwunden.

Als die Braunschweig an den Leinen hing dauerte es noch fünfzehn Minuten und alle Wasser. – Telefon. – und Stromleitungen waren angeschlossen. Normalerweise hatten die Elektriker an Bord dies zu machen. In dieser Nacht war es anders. Jeder, aber wirklich jeder packte mit an und zog die teilweise dicken Leitungen zu den jeweiligen Übergabestellen.
Gegen vier Uhr war Jan dann auch im heimischen Bett.

Weihnachten und Silvester 1975 vergingen ohne nennenswerte Ereignisse.

Kapitel 11 Bilgepumpe tauschen

Die „Bloody Polly“, so hieß der Kutter, lag an der beschriebenen Stelle. Er musste früher einmal ein großer Fischkutter gewesen sein. Am Mast war noch die Haltevorrichtung für die Backbord – und Steuerbord Netze zu erkennen. Ein auf Pappe geschriebener Text an der Reling deutete darauf hin, dass an diesem Tag keine Touristenfahrten stattfinden würden. Überall an Oberdeck waren Bänke aufgestellt. Jan schätzte, dass wohl siebzig Personen befördert werden könnten. „Hallo Jan, wie geht es dir? Ich freue mich das du mich besuchst.“ „ Mir geht es gut, ich freue mich dich zu sehen.“ “Wir können heute nicht rausfahren. Irgendein Kutter hat mein Schiff letzte Nacht beim Anlegen gerammt. Es ist sehr viel Wasser in den Maschinenraum geschwappt. Zum Glück ist mein Schiff nicht unter gegangen. Würdest du mir helfen das Wasser aus dem Schiff zu kriegen?“ „Klar, kein Problem. Hast du eine Pumpe an Bord?“ „Nur eine kleine, damit ich zum Deck abspritzen Wasser aus der See holen kann. Wenn wir die anschließen, dann brauchen wir ein paar Tage zum Abpumpen.“ Jan überlegte. Eine tragbare Pumpe von Bord holen würde wahrscheinlich Probleme mit dem IO geben. „ Du Polly, ruf doch die Feuerwehr an. Die haben doch bestimmt die Möglichkeit das Wasser ab zu pumpen.“ Gesagt, getan. Der gerade geschilderte Dialog ging natürlich sehr viel langsamer wie man sich denken kann. Polly konnte kein Wort Deutsch und Jan fast nur englisch aus seinem Touristenwörterbuch. Nach der Schule hatte er nie Gelegenheit gehabt sich mit Engländern zu unterhalten.

Als die Feuerwehr eintraf hatten die beiden schon etliche Eimer Wasser aus dem Kutterinneren geholt. Der Rest war dann eine Sache von einer viertel Stunde. Die Hochleistungspumpe der Wehr schaffte achthundert Liter in der Minute.“ Sehen sie zu, dass sie ihr Schiff nach Weymouth in den Hafen bringen. Das Loch sollte geschlossen werden. Noch eine Nacht hier an der Seeseite und du säufst vielleicht ganz ab.“ Mit diesen Worten stieg der Leiter der Feuerwehr wieder zu seinen Kollegen in den Einsatzwagen.

„Während ich langsam Richtung Weymouth fahre, könntest du schon einmal die Bilge-Pumpe tauschen. Die alte hat einen nicht zu reparierenden Schaden. Würdest du das für mich machen?“ Eigentlich hatte sich Jan den Tag etwas anders vorgestellt. Vielleicht erst mit Polly frühstücken, dann ein wenig die Küste von See her anschauen. Nun saß er eingepfercht zwischen Rohren unterhalb der Flurplatten in der stinkenden Bilge und mühte sich ab die an gegammelten Schrauben dieser verdammten Bilge-Pumpe zu lösen. Polly hatte ihm noch einen Overall gegeben und war dann auf der Brücke verschwunden. „Scheiße, wieso muss ich immer solche Aufträge annehmen“, schimpfte er mit sich selbst. „Na, wenigstens das Werkzeug ist auf diesem Kahn in Ordnung.“ Die Elektrik der Pumpe war oberhalb der Flurplatten steckbar und so brauchte er nur das Kabel der alten Pumpe an die neue anschließen. Die neue Pumpe passte wie angegossen mit ihrem Flansch und den Rohranschlüssen auf die Pumpenkonsole. Als er total verschwitzt seinen Erfolg bei Polly meldete hatte diese gerade einen Poller an der Pier erreicht. „Wenn du schon einmal hier oben bist, dann mach noch eben die Leinen fest. Danach darfst du duschen.“ Wo bin ich hier nur gelandet, dachte Jan mal wieder und schmiss die Leinen über den Poller.