Kapitel 26 F225 Natoparty in Lissabon

“Fregatte

In den Häfen, die der Verband anlief, wurden die Schiffe immer mit einer Lichterkette geschmückt. Diese Kette ging vom Bug über den Brückenmast bis zum tiefsten Punkt des Achterschiffes. Lissabon bildete hier natürlich keine Ausnahme. Die fünf Schiffe fuhren hintereinander vom Atlantik kommend Richtung Hafen. Von der Fregatte Braunschweig aus konnte man erkennen das alle schon dabei waren ihre Lichterketten auf zu ziehen.

„Frage Herr Kapitän: Dürfen wir unsere Kette auch schon installieren?” Biggert hatte den Mut aufgebracht den übers Schiff laufenden Alten anzuquatschen. „Obermaat, diese Frage können sie sich selber beantworten. Wir repräsentativeren hier Deutschland. Wir werden hier in erster Geige an Oberdeck stehen und warten bis wir festgemacht haben. Wenn das alles erledigt ist, dann dürfen sie mit ihren Leuten den Lichterschmuck anlegen. Damit sie ein wenig Zeit rausschinden können, sei ihnen erlaubt unter Deck im Blaumann zu warten. Wegtreten.“ Jan und seine Kameraden waren sauer. An ihnen blieb es immer hängen diese blöden Ketten zu installieren. Wenn es gut lief, dann war in eineinhalb Stunden alles erledigt. In anderen Häfen war ihnen dieser Umstand bisher immer egal gewesen. Hier in Lissabon war es anders. Gerade hatte der Alte über Bordlautsprecher durchgegeben:

„Gegen 10 laufen wir ein. Teilen sie die Wachen so auf, dass jeder einige Stunden Landgang bekommt. Heute Abend haben wir Natoparty an Bord. Alle Kommandanten und Offiziere der anderen Schiffe kommen zu uns um ein wenig zu feiern. D.h.: Das Achterschiff wird im Laufe des Tages mit Sonnensegeln bespannt werden. Heute Abend laufen wir gegen zweiundzwanzig Uhr wieder aus. Und zwar alleine. Der Grund dafür liegt bei den Holländern. Die haben morgen einen Feiertag. Sie feiern die Befreiung von den Deutschen am fünften Mai 1945. Die wollen das groß feiern. Aber nicht mit uns. Das wäre ja noch schöner – eine Schmach wäre das für uns. Wir haben beim Verteidigungsministerium nachgefragt, wie wir uns verhalten sollen. Georg Leber selbst hat entschieden, dass wir einen Maschinenschaden (Heizergruß)

3Quelle Foto: fregatte-braunschweig.info/2015/09/03/heizergruss/ von Roland Berghorn

vortäuschen sollen. Dieser Schaden ist leider nur in Wilhelmshaven zu reparieren. Ha, ha. Also meine Herren, wundern sie sich nicht wenn wir beim Einlaufen gleich verdammt viel schwarzen Rauch aus dem Schornstein blasen. Der STO hat eine kleine Manipulation an den Dieseleinspritzungen vornehmen lassen. Offiziell verreckt uns dadurch gleich eine Maschine. Inoffiziell verpissen wir uns dadurch heute Abend. Meine Herren, das war`s. Genießen sie die paar Stunden Landaufenthalt.“

„Wo bin ich hier nur gelandet“, dachte Jan.

Gegen einundzwanzig Uhr dreißig kamen Lusches, Jürgen, Jan und einige andere von Land zurück. Sie waren die ausgeguckten Elektriker welche die Lichterkette mit demontieren sollten. Lissabon war ja ganz schön, aber da sie nur einige Stunden Zeit hatten sich die Schönheiten an zu schauen, hatten sie nur einige schöne Kneipen in der Nähe des Hafens besucht.

Die Natoparty war noch in vollem Gang. Von allen Schiffen waren alle hohen Dienstgrade komplett vertreten. Die Mannschaften waren wie immer bei solchen Anlässen in der Minderheit.

Im Längsgang war auf zehn Meter Länge eine Brettablage aufgestellt worden. Alle Offiziere hatten ihre Kopfbedeckung hier abgelegt. Jürgen wollte gerade, wie alle anderen, ins Deck runter hetzen um sich in den Blaumann zu schmeißen als er die mit dicken Goldrändern verzierten Mützen sah. „Ich will auch mal Offizier sein. Jungs seht her, diese passt mir besonders gut.“ Ehe die anderen eingreifen konnten hatte sich Jürgen die Mütze mit den dicksten Streifen aufgesetzt. Die Mütze war natürlich viel zu groß und rutschte ihm weit über die Stirn. „Mensch Jürgen mach kein Scheiß, das kostet dich etliche Wochenenden Landgangsperre. Leg die Mütze wieder hin und zieh dich um. Wir müssen gleich malochen“, rief Jan noch. Aber zu spät. Jürgen war schon unter den Partygästen. Im Längsgang bekamen die anderen noch mit, dass der allgemeine small talk verstummte. Sie hörten wie Jürgen rief:“ Stillgestanden meine Herren. Ich werde eine Rede halten.“ „Herr Obergefreiter, sehen sie zu, dass sie hier verschwinden. Nehmen sie die Mütze ab. Morgen früh melden sie sich bei mir auf der Stube. Wegtreten.“ Das waren eindeutige Worte vom IO. Etwas verstört kam Jürgen wieder bei den anderen an. „Mann Jürgen, wenn du schon gerne mal Offizier sein möchtest, dann hättest du dir doch eine andere Mütze nehmen können. Die, welche du gerade auf hattest, das ist die Mütze des Oberkommandierenden der Nato im Nordatlantik. Der Macker ist heute Abend auch hier an Bord.“ Ist mir scheiß egal. War ein geiles Gefühl mit dem alten Schinken auf dem Kopf.“

Die Party ging statt um zweiundzwanzig Uhr, erst eine Stunde später zu Ende. Als der letzte Gast von Bord war wurde in Windeseile der Lampenschmuck demontiert. Eine Minute vor Mitternacht legte die Braunschweig mit Kurs Wilhelmshaven ab. Die Showeinlage am Morgen mit dem qualmenden Schornstein hatten ja alle anderen mit bekommen. Der Kommodore des Geschwaders hatte noch seine besten Heimfahrtgrüße ausrichten lassen. Spätestens in einigen Tagen würde man sich in Wilhelmshaven auf seinem Schiff wieder sehen und dann dort eine Natoparty feiern.

 

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