Kapitel 10 Weihnachten auf der Braunschweig

“Fregatte

HEILIGABEND IM HAFEN
Es war der 24.12.1975, morgens, so gegen 1.30 Uhr. Fast alle an Bord von Fregatte Braunschweig waren zufrieden. Noch einige Stunden, dann konnte die lang ersehnte Weihnachtsdienstbefreiung beginnen. Der „Alte” gab über alle Bordlautsprecher bekannt, dass in dem Moment, wo das Schiff mit allen Versorgungsleitungen Landverbindung habe, Feierabend sei. Ein allgemeines, fröhliches Raunen ging durchs Schiff.
„In 15 Minuten kommt der Zoll an Bord. Sie brauchen dann nur die schon ausgehändigten Zollerklärungen unterschrieben zurückzugeben. Außerdem wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein geruhsames Weihnachtsfest!”
Klar, diese Zollerklärungen hatte jeder fertig. Aber so ein Schiff hat so viele Verstecke, die müssen die Jungs vom Zoll erst mal aufspüren. Jeder hatte irgendwo eine Stange Zigaretten oder eine Flasche Hochprozentigen versteckt.
Die Nacht war pechschwarz und über dem Wasser mit Nebel durchwachsen. Kleine Eiskristalle bildeten sich auf dem ganzen Oberdeck. Auf Steuerbordseite konnte man über den Nebeln das gleichmäßige Blitzen des Wangerooger Leuchtturms sehen. Die Fregatte kam zurück, von Portland in Südengland. Man hatte die letzten 8 Stunden die Turbinen mit auf die Wellen geschaltet, um schnell nach Wilhelmshaven zu gelangen. Irgendwo in der Ferne dröhnte das Nebelhorn eines auslaufenden Dampfers.
Als die Fregatte wenig später an der Pier festmachte, war sich niemand zu schade, die Landverbindungen -Telefon, Wasser, Energie – von Landversorgungsstellen zum Schiff zu ziehen. Dennoch, es waren nicht alle an Bord zufrieden. Einige hatten kein wach frei und mussten die Feiertage über an Bord bleiben.
Weihnachten und auf so ‘m ollen Dampfer rumhängen. Jeder konnte sich etwas Besseres vorstellen. Die Familie würde am Abend zusammensitzen und Geschenke verteilen, die Kinder würden fragen, wo denn der Papa schon wieder sei, wenigstens am Heiligen Abend könnte er ‘mal zu Hause sein.
Aus Nordwest blies ein eisiger Wind durch den Hafen. Die Temperatur war gegen Morgen auf minus 16 Grad abgefallen. Vereinzelte Schneeflocken bildeten langsam Pulks und versuchten sich im Aufbau von kleinen Verwehungen. Der nächtliche Nebel hatte sich verflüchtigt. Manchmal riss die Wolkendecke auf, und die niedrig stehende Wintersonne blinzelte einsam hervor.
Alle 30 zur Bordwache eingeteilten Sailors hatten irgendwie schlechte Laune. Vorm Frühstück merkte dann auch noch jemand, dass die Taue in der letzten Nacht beim Festmachen etwas zu kurz angebunden wurden. Die auflaufende Flut hatte das Schiff einfach etwas angehoben und in eine Schräglage gedrückt. Die Anwesenden Mariner mussten auf die Pier kommen und die strammen Leinen gemeinsam lösen und neu vertäuen. Manch unschöner Fluch verließ an diesem Morgen die Kehlen der Durchgefrorenen.
In der Kombüse versuchte der Smutje, die schlechte Laune der Leute ein wenig aufzuhellen. Zum Frühstück gab’s Punsch, frische, eigens hergestellte Brötchen, Marmelade, Käse und Knuspergebäck. Das in der Nacht gebackene Knuspergebäck verbreitete im ganzen Schiff einen unheimlich tollen Geruch von Mandeln, Zimt, Schokolade und sonstigen weihnachtlichen Düften. Als Zugabe konnte sich jeder noch einen großen, überdimensionalen Weihnachtsmann aus feinster Schokolade in der Kombüse abholen. An diesem Morgen strich der Smutje sehr viel Lob ein.

Auf jedem Marineschiff gibt es auch einen Wachhabenden im Hafen. An diesem 24.12. war es Oberbootsmann Wittenberg. Er war seit acht Monaten nicht mehr nach Hause gekommen. In irgendeinem ausländischen Hafen wurde er von seinem Minensuchboot auf die Fregatte Braunschweig versetzt.
Im Augenblick musste er dauernd an seine Frau denken, sie sollte in diesen Tagen ihr erstes Kind bekommen. Eine große Traurigkeit befiel ihn. Es war in den letzten Tagen nicht möglich gewesen, diese Weihnachtswache zu tauschen. Sogar anzurufen war an diesem Vormittag nicht drin. Der Sturm hatte irgendwelche Telefonüberlandleitungen gekappt.
Wittenberg dachte verbittert an seinen Kapitän. Dieser hatte in letzter Instanz entschieden, dass diese Wache unbedingt von ihm zu absolvieren sei. Er könne ja dafür Silvester nach Hause fahren. „Scheiß Marine. Warum hab’ ich mich nur verpflichtet?” schimpfte Wittenberg.
Am späten Nachmittag legte sich der Sturm. Das Schneegestöber ging in ein kontinuierliches schneien über. Auf der Autobahn nach Wilhelmshaven kroch langsam eine rote Limousine an den Verwehungen entlang. Sie hatte als Ziel, das Marinearsenal mit der vorhin erwähnten Fregatte Braunschweig.
An Bord hatte man das Beste aus dem Tag gemacht: Kantine mit einem Weihnachtsbaum schmücken, Punsch trinken, Gebäck essen, an die Lieben zu Hause denken, kein Tagesdienst . . . Oberbootsmann Wittenberg hatte alle gegen 16.30 Uhr versammelt. Man erzählte ganz ungezwungen kleine, schon erlebte Geschichten, und es kam eine richtige Weihnachtsstimmung auf.
Im Radio wurden gerade die Seeleute auf allen Schiffen der Welt gegrüßt. Die Jungs waren ja noch übler dran. Irgendwo auf den Weltmeeren rumschippern und nicht mal Silvester den Sekt mit der Familie trinken können. Man bedauerte die „armen Schweine” und trank einen Punsch nach dem anderen, pur, auf ihr Wohl.
Wittenberg hatte noch immer keine Nachricht von seiner Frau. Unbemerkt von allen in der Kantine hatte sich ein uniformierter hoher Dienstgrad hinter die feiernde Gruppe gestellt.
„Meine Herren, lassen Sie sich nicht stören. Fröhliche Weihnachten. Meine Frau und ich haben uns gedacht, Ihnen eine Freude zu machen. Wir haben für jeden von Ihnen ein kleines Geschenk im Auto. Gehen Sie auf die Pier, und holen Sie es sich ab. Meine Frau ist noch im Auto und wird es Ihnen geben.”
„Sie, Wittenberg, warten noch einen Moment!” All das gerade Gesagte kam aus dem Mund vom „Alten”. „Für Sie, Wittenberg, habe ich noch ein besonderes Bonbon. Ihre Frau hat heute Morgen eine Tochter bekommen. Man hat mich informiert, bevor ich in Oldenburg losgefahren bin. Sie können meinen Wagen nehmen und nach Hause fahren. Ich werde ab sofort Ihre Wache übernehmen.”
Wittenberg war froh, den Punsch bis gerade nicht angerührt zu haben. Er ist eben doch ein Mensch, unser Kapitän, dachte er und machte sich auf den Weg. Auf einem fernen Hafenkran ging gerade ein Lichterbaum an.

Vielen Dank für die schöne Geschichte von Karl Heinz