Kapitel 5 F225 Begegnung mit der DDR-Küstenwache

“Fregatte

Für die erste Septemberwoche 1975 war eine Ausbildungsfahrt angesetzt. Im Anschluss daran wollte der Kapitän mit Fahrt durchs Skagerrak Eckernförde am folgenden Wochenende anlaufen.
Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren ging`s endlich am späten Vormittag los. Man fuhr von Wilhelmshaven einige hundert Seemeilen Richtung Norden. Das Ganze war natürlich keine Vergnügungsfahrt sondern todernster Marinealltag. Es wurde alles geübt, Helotransfer, (Personen von einem Hubschrauber übernehmen oder an diesen übergeben) ein brennendes Schiff entern und löschen, Kursbestimmungen, Schiff nach einem erdachten Bombenangriff chemischer Natur dekontaminieren, Frischwasser und Treibstoff von einem Versorger in See übernehmen und vieles mehr. Jan und einige Kameraden hatten beim Helotransfer die Aufgabe im Asbestanzug und mit Feuerlöschschläuchen darauf zu warten das der Hubschrauber bei dem Manöver mal abstürzte. Sie sollten dann den entstehenden Brand löschen. Wohl war ihnen bei diesem Gedanken überhaupt nicht.
Der Helikopter kreiste ca. zehn Meter über dem Achterschiff und Jan stand direkt mit seinem Schlauch an den hinteren Schiffsaufbauten. Einer der Maate Musste immer mit einer langen, am Schiffskörper mit einem Draht befestigten Erdungsstange ein Potenzialausgleich zwischen Helikopter und Schiff herstellen. Jan fand dieser Job war noch gefährlicher als seiner. Bei einem Absturz wäre der Maat sofort weg vom Deck. Er könnte wenigstens noch zur Seite in den Bach springen. Bei den ersten Heloübungen wurde immer einer nach oben gehievt und nach einer Ehrenrunde über der Fregatte wieder abgesetzt.
Jans zweiter Job bestand bei Kraftstoffübernahme in See darin, am Übergabepunkt von Versorger und Fregatte zu stehen. Man hatte ihm eine Axt gegeben die er nur auf eine Sollbruchstelle der Versorgungsleitung halten brauchte. Ein Kamerad von ihm hatte einen zehn Kilo Muker in der Hand und Musste auf die Axt schlagen wenn sich die beiden Schiffe zu weit aneinander näherten. Da das ganze immer mit hoher Geschwindigkeit geübt wurde, (es hätte ja ein feindliches Schiff in der Nähe sein können) war dies auch nicht gerade eine Arbeit wo man sich ablenken lassen durfte. Neben der Versorgungsleitung Kraftstoff war gleichzeitig auch eine Wasserverbindung vom Versorger vorhanden. Lebensmittel und eventuelle Post wurden an einer Art kleiner Miniseilbahn vom Versorger zur Fregatte geschickt.
Am Freitag der Woche war die ganze Besatzung von den dauernden Übungen ziemlich erschöpft und freute sich auf den Zielhafen Eckernförde. Die Ostsee hatte man schon am Donnerstagnachmittag erreicht. Der Kapitän ordnete an, langsam am Rande der Mecklenburger Bucht, außerhalb der DDR-Küstenhoheit, Richtung Eckernförde zu schippern. Über Bordlautsprecher war zu hören: „Meine Herren, da viele von ihnen das erste Mal mit auf dem Teich waren, dafür hat schon alles sehr gut geklappt. Ich bin mit Ihnen sehr zufrieden. Einige Übungen waren noch etwas langsam. Aber machen sie sich keine Sorgen, vor Portland werden wir noch einige Male raus fahren. Sie werden merken, dass sie die geübten Tätigkeiten immer besser und schneller beherrschen. Und schneller müssen sie werden. Sonst haben wir bei den Engländern keine Chance auf ein Lob….
Falls sie Interesse haben einmal ein Küstenwachschiff der DDR zu sehen, dann müssen sie an Oberdeck auf die Backbordseite kommen. Vergessen sie ihre Fotoapparate nicht.“ Jan hatte schon seit einigen Minuten mitbekommen das die Schrauben nicht mehr drehten. Als er an Oberdeck ankam sah er sofort das Schiff der DDR-Marine. Es war genauso grau gestrichen wie seine Fregatte. Auf dem Vor-und Achterschiff war je eine doppelte, vierzig – Millimeter Kanone vorhanden. Auch das Küstenwachschiff hatte die Maschinen abgestellt und dümpelte in ungefähr vierzig Metern Entfernung neben der Braunschweig. Wolgast (der Schiffsname ist

Wolgastfiktiv, leider hatte ich den richtigen Namen nicht aufgeschrieben,aber ein Originalfoto davon gefunden) stand unter der Bugreling. Der Fregattenkapitän ließ die Außenbordlautsprecher einschalten. „Wir grüßen die Besatzung der Wolgast. Herr Kapitän, wir laden sie und einige ihrer Offiziere zu einem Tee mit leckerem Gebäck ein. Wenn sie unser Angebot annehmen, dann holen wir sie mit unserem Boot.“ Der Lautsprecher verstummte und die gesamte Besatzung der Braunschweig wartete gespannt auf eine Reaktion der anderen Seite. Aber hier tat sich nichts. Man konnte einige Offiziere an Deck stehen sehen. Einige hatten einen Fotoapparat und fotografierten unentwegt jede Einzelheit der Braunschweig. Die anderen standen mit versteinerten Mienen vor der Brücke und starrten herüber. Von den Mannschaften war niemand zu sehen. Die Spannung auf der Fregatte wich langsam. Alle machten ihre Späße über diese seltsame Begegnung. Weil sich auf der Wolgast absolut kein Leben zeigte wurde der Dampfer schnell in DDR-Geisterschiff getauft. Dann klang es aus dem Außenbordlautsprecher:
„Ich wünsche ihnen weiterhin eine gute Fahrt. Wir werden nun in unser verdientes Wochenende fahren. Auf Wiedersehen“, Es wurde volle Fahrt voraus direkt Richtung Eckernförde angeordnet. Die Wolgast nahm auch wieder Fahrt auf und fuhr Richtung Küste. „Meine Herren, was sie da gerade gesehen haben war ein Küstenschutzschiff der DDR. Die Wolgast wird in der Natobezeichnung „Koniklasse“ genannt. Ich glaube, die fahren nun auch ganz schnell nach Hause um ihre gemachten Fotos dem Geheimdienst zu übergeben. Ha, ha. In drei Stunden laufen wir in Eckernförde ein und alle wachfreien Leute haben Landgang bis Montagmorgen.“ Nach dieser Durchsage schwieg der Lautsprecher für diese Fahrt.

Fotoquelle: http://www.nva-forum.de/nva-board/index.php?s=df754e728425c7dea8cef4ddd2d3dcfe&showtopic=2718&st=15