Kapitel 1 Brake Grundausbildung

“Fregatte

Spätestens um Achtzehn Uhr in der Technischen Marineschule sein, stand auf dem zugeschickten Vordruck. Jan hatte eine Tasche mit Privatklamotten zusammen gesucht. Der erste April des Jahres 1975 war ein kalter mit Nieselregen durchzogener, sonnenloser Tag. Im Zug traf Jan viele mit dem gleichen Reiseziel: Brake.
Auf dem Bahnhof standen viele Uniformierte in langen dunklen Marinemänteln. „Alle neuen Soldaten zum Bahnhofsvorplatz. Dort in die bereitstehenden Busse steigen. Beeilung meine Herren.“ Wie die Lämmer rannten alle zu den olivfarbenen Bussen. Hier standen die nächsten Unholde. „Beeilung, wir sind hier nicht auf einem Ausflug. Andere ankommende wollen auch noch zur Kaserne gebracht werden. Los, einsteigen“!
Jan dachte nur, wo bist du nur gelandet.
Den neuen Seeleuten wurden Zimmer zugewiesen, immer fünf Mann auf einen Raum. Das erste was sie lernten war, ein Zimmer hieß hier nicht mehr Zimmer sondern Deck. Man sagte ihnen, die ganze Kaserne wäre ein Schiff. Um zwanzig wurde bekannt gegeben, dass an diesem Tag nichts mehr passieren würde und alle wurden auf ihre Betten geschickt. Da sie ja auf einem Schiff waren hießen die Betten selbstverständlich Kojen. Als sich alle auf den Zimmern miteinander bekannt gemacht hatten, versuchte jeder in seiner neuen Koje ein wenig Schlaf zu finden. Jan war auch gerade eingenickt als so ein Unteroffizier durch den Flur (hier Längsgang) brüllte: „ Alle Mann sofort auf dem Hof antreten. Es gibt Neuigkeiten.“ Verdammt, dachte Jan, wie soll man denn hier auf dem Hof antreten, wo wir hier doch angeblich auf einem Schiff sind?
Der fiese Nieselregen vom frühen Abend hatte sich zu einem noch fieseren Dauerregen entwickelt. „Meine Herren, stellen sie sich alle in drei Reihen auf. Das richtige ausrichten werden wir die nächsten Tage üben. Schon mal zur Probe: stillgestanden. Augen geradeaus. Rührt euch.” „Was denn nun, stillstehen oder rühr`n. Mann, das geht mir hier alles auf den Keks.“ Jan dachte an sein schönes warmes Bett zu Hause. Innerhalb weniger Sekunden waren alle bis auf die Haut durchnässt. „Meine Herren, der Grund unserer nächtlichen Zusammenkunft ist folgender: morgen früh um fünf ist wecken. Sie duschen dann und sorgen dafür, dass ihr Deck aufgeräumt ist. Um sechs bringe ich sie dann zum Frühstück. Noch Fragen? Wenn nicht, dann wegtreten.” „Ich habe eine Frage Herr Offizier.“ . . . . . Kam eine piepsige Stimme aus der hinteren Reihe. “Sind sie verrückt geworden? Wenn sie mit mir sprechen, dann nennen sie zuerst ihren Dienstgrad, dann ihren Namen und stellen dann bei Erlaubnis die Frage. Ist das klar!“ „Klar Herr Offizier.“ „Flintbach, Herr Offizier ist mein Name“ „Das heißt nicht klar Herr Offizier sondern: Jawohl Herr Obermaat. Ich bin hier kein Offizier, sondern Obermaat. Das entspricht beim Heer dem Unteroffizier. Also Matrose Flintbach stellen sie ihre Frage“ „Hätten sie uns diese Mitteilung nicht drinnen machen können? Wir haben doch nun unsere ganzen Sachen nass.” „So so, sie haben ihre ganzen Sachen nass. Sie sind wohl noch ein kleines Weichei. Das werden wir ihnen in den nächsten drei Monaten ihrer Grundausbildung noch austreiben. Matrose Flintbach sie haben Recht. Ich hätte ihnen diese Mitteilung auch drinnen geben können. Meine Herren: Stillgestanden, wegtreten in die Decks. Ich wünsche ihnen einen gesunden Schlaf!”
Es folgte eine dreimonatige Grundausbildung im Marinehandwerk. Die Ausbildung teilte sich in den militärischen und den fachlichen Bereich. Fachlich hieß in diesem Fall das Jan und seine Kameraden auf ihre Zukunft an Bord als Elektriker vorbereitet wurden. Ansonsten wurde marschieren, schießen, ausrichten, Dienstgrade lernen, Maskenball und Deck reinigen geübt. Der Maskenball war eine besondere Art der Schikane fast an jedem Wochenende. Die Mannschaften mussten in ihrer Ausgehuniform nach dem Mittagessen auf dem Kasernenhof antreten und wurden gemustert. Dann hieß es innerhalb von drei Minuten im Kampfanzug erscheinen. Danach hatten die Rekruten wieder drei Minuten Zeit, sich im Blaumann auf dem Hof einzufinden. Dieses Spielchen wiederholte sich dann noch mit den Sportklamotten und der zweiten Ausgehuniform. Die Maskerade war dann beendet und alle durften auf ihre Decks verschwinden. Der Spieß setzte dann eine Spindkontrolle an. Durch das Tohuwabohu der letzten Minuten sahen nun natürlich alle Spinde aus, als ob sie noch nie aufgeräumt worden waren. „Wie sieht denn ihr Spind aus? Mann sehen sie zu das sie das in Ordnung bringen. Meldung bei mir, wenn alles OK!“ Jan dachte etwas zu laut: du blöder Arsch. Durftest du letzte Nacht nicht an deine Alte ran oder warum bist du so bescheuert? „Matrose Webau. Was grummeln sie da in den Bart?“ „Matrose Webau meldet das er nicht in den Bart gegrummelt hat. Matrose Webau wird sich daran machen seinen Spind aufzuräumen um ihn dann bei ihnen verspätet abzumelden.“ Diese Schikane der Unteroffiziere und des Spießes kostete allen Rekruten immer den Freitagnachmittag. Bis alle Spinde erneut abgemeldet waren, war der Nachmittag gelaufen und niemand kam vor achtzehn Uhr zum Bahnhof.
Die lauten Unteroffiziere wurden am Ende der Ausbildung ganz normale Kumpels. Wenn kein höherer Dienstgrad in der Nähe war dann durften die Matrosen sie auch mit dem Vornamen ansprechen. Am letzten Tag in Brake gab es große Abschiedsszenen. Inzwischen kannten sich alle Matrosen schon beim Vornamen. Jan hatte Jürgen im Laufe der letzten drei Monate kennen gelernt. Die beiden unternahmen abends immer etwas gemeinsam im Kaff, wie sie Brake nannten. Der Zufall entschied, dass sie zusammen auf dasselbe Schiff kommen sollten.
„Am ersten Juli 1975 haben sie sich im Laufe des Tages auf der Fregatte Braunschweig in Wilhelmshaven einzufinden…“ Jan zitierte seinen Versetzungsbefehl. „Toll, da fahren wir gemeinsam rüber. Montag müssen wir da auflaufen.“
Viele Matrosen waren an diesem Tag im Hafengebiet unterwegs um ihre Fregatten, Minensuchboote oder Zerstörer zu suchen. Sie kamen alle von den Grundausbildungen ihrer Fachrichtungen.

2 Gedanken zu „Kapitel 1 Brake Grundausbildung“

  1. Eine Geschichte wie wir sie wohl ähnlich erlebt haben. Interessant wird es bestimmt an Bord. Bei mir stand im Januar 83′ OMT Förster als UvD an der an der Stelling als ich von der Grundausbildung an Bord kam. Ein Kerl wie ein Baum, Gesichtspullover bis zur Brust und dann kam ich über der Stelling. ..Fahne grüßen und Meldung ” Wurde alles nicht so heiß gegessen wie sie uns in der Grundi eingeläutet haben…nur er sagte mach kein Licht an wenn du ins 11er Deck gehst….

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