“Fregatte

Kapitel 2 F225 Der erste Tag

Viele Matrosen waren an diesem Tag im Hafengebiet unterwegs um ihre Fregatten, Minensuchboote oder Zerstörer zu suchen. Sie kamen alle von den Grundausbildungen ihrer Fachrichtungen. „Matrose Webau meldet sich mit einem Mann zur weiteren Verwendung.“ „Nu mal nich so förmlich. Wir sind hier an Bord und nich inne Grundausbildung. Mein Name ist übrigens Lusches. So könnt ihr mich auch nennen. Kommt, ich zeig euch unser Deck.“ Lusches, ein Hauptgefreiter, hatte die beiden schon erwartet. Als sie sich oben an der Pierwache mit dem gleichen Spruch gemeldet hatten wurde er ausgerufen und kam sofort an Oberdeck. Durch ein ovales Schott ging es in den Schiffsbauch. Es roch nach Kraftstoff, Reinigungsmittel und Küche. „Hier müssen wir runter. Schmeißt eure Seesäcke schon mal her. Hier knacken die Ufze, dahinten sinn unsere Decks.“ Der schmale Gang endete in einer Art Flur. Links und rechts waren hier kleine grüne Spinde. Am Ende dieses Decks ging es links und rechts in die Mannschafts-unterkünfte. Vor der rechten Unterkunft war ein kleiner Wasserhahn.“ Hier könnt ihr schönes kaltes Wasser trinken. Wenn ihr längere Zeit unter Deck ward dann kriegt ihr einen trockenen Hals. Hinten durch dieses Schott sind die Duschen und Klos. Aber erst mal willkommen im Heizerdeck. Heizerdeck heißt es hier deswegen, weil hier nur die Mechaniker und Elektriker knacken.“ Jan und Jürgen kamen beide in das linke Deck, in Fahrtrichtung gesehen. Sechzehn an die Wand geklappte Kojen zählte Jan. Vier Kojen waren im Dreierpack übereinander, zwei zu zweit. „Die beiden hinteren unten sind noch frei. Eure Spinde sind diese beiden hier.“ Mit einer

Handbewegung zeigte Lusches die Kojen. Wie sich später herausstellte mussten alle neuen in den unteren Kojen knacken. Das hatte einen Nachteil. Immer wenn man unten lag und die oberen Kojeninhaber kamen besoffen von Land hatte man Chance eventuell von diesen netten Kameraden voll gekotzt zu werden. Jürgen und Jan stellten sich den anderen im Deck vor. Es gab einige Gefreite, Obergefreite und Hauptgefreite. Sie hatten noch den untersten Dienstgrad: Matrose. Einige Stunden später wurden sie den Maaten vorgestellt. Bei der Gelegenheit gab es gleich wieder eine Einweisung. Immer wenn man ein fremdes Deck betrat musste man sich anmelden wie folgt: Dienstgrad, Name und dem Spruch „ins Deck“.

Der erste Tag war nur ein kennen lernen des Bordlebens im Allgemeinen. Der nächste Morgen begann um sieben mit wecken und Frühstück. Gegen neun war Musterung des Kapitäns. Alle wachfreien Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere mussten auf dem Achterdeck antreten. Nachdem der erste Offizier seine Meldung an den Kapitän gemacht hatte hielt dieser selbst eine kleine Rede. Die Neuen an Bord wurden offiziell begrüßt. Der Kapitän wünschte ihnen einen erlebnisreichen Aufenthalt auf der Fregatte Braunschweig.

„Auch wenn der Ton hier manchmal rauer ist als in ihren Zivilberufen, so ist hier doch alles herzlich. Wir werden ihnen eine Seemännische Ausbildung nahe bringen mit dem Ziel, im nächsten Januar der Standing Navel Force Atlantic an zugehören. Diese Flotte, bestehend aus Amerikaner, Kanadiern, Briten, Holländern und uns der Fregatte Braunschweig, kreuzt im Nordatlantik und ist direkt der Nato unterstellt. Wir werden einige Häfen in Nordamerika, der Karibik und Kanada anlaufen. Die genaue Reiseroute geben wir ihnen im Spätherbst bekannt. Die Reise wird bis Ende Mai nächsten Jahres gehen. Aber zuvor meine Herren Seeleute, werden wir das Marinehandwerk lernen. Mit allem was da vorkommt. Sie werden das speziell in ihren Bereichen erleben. Anfang Dezember diesen Jahres fahren wir für drei Wochen nach Portland in Südengland. Dort werden wir den letzten Schliff für unsere große Fahrt von englischen Ausbildern erfahren. Erfahren ist der falsche Ausdruck. Die Engländer werden uns prüfen. Nicht auf Herz und Nieren wie der Doktor das vielleicht gerne hätte, sondern ob wir manöverfest sind. Sie sehen, wir haben viel vor. Lassen sie uns beginnen. 1O (erster Offizier) lassen sie wegtreten.“ Jan dachte: nicht schlecht was die einem hier bieten. Eine kleine Weltreise für umsonst, wo andere eine Menge Knete für hinblättern mussten. Langsam begann er sich auf seine Marinezeit zu freuen.

 

Indienststellung 23.06.1964 in Hamburg

Bilder von Roland Berghorn (11)

Roland

Kapitel 1 Brake Grundausbildung

Spätestens um Achtzehn Uhr in der Technischen Marineschule sein, stand auf dem zugeschickten Vordruck. Jan hatte eine Tasche mit Privatklamotten zusammen gesucht. Der erste April des Jahres 1975 war ein kalter mit Nieselregen durchzogener, sonnenloser Tag. Im Zug traf Jan viele mit dem gleichen Reiseziel: Brake.
Auf dem Bahnhof standen viele Uniformierte in langen dunklen Marinemänteln. „Alle neuen Soldaten zum Bahnhofsvorplatz. Dort in die bereitstehenden Busse steigen. Beeilung meine Herren.“ Wie die Lämmer rannten alle zu den olivfarbenen Bussen. Hier standen die nächsten Unholde. „Beeilung, wir sind hier nicht auf einem Ausflug. Andere ankommende wollen auch noch zur Kaserne gebracht werden. Los, einsteigen“!
Jan dachte nur, wo bist du nur gelandet.
Den neuen Seeleuten wurden Zimmer zugewiesen, immer fünf Mann auf einen Raum. Das erste was sie lernten war, ein Zimmer hieß hier nicht mehr Zimmer sondern Deck. Man sagte ihnen, die ganze Kaserne wäre ein Schiff. Um zwanzig wurde bekannt gegeben, dass an diesem Tag nichts mehr passieren würde und alle wurden auf ihre Betten geschickt. Da sie ja auf einem Schiff waren hießen die Betten selbstverständlich Kojen. Als sich alle auf den Zimmern miteinander bekannt gemacht hatten, versuchte jeder in seiner neuen Koje ein wenig Schlaf zu finden. Jan war auch gerade eingenickt als so ein Unteroffizier durch den Flur (hier Längsgang) brüllte: „ Alle Mann sofort auf dem Hof antreten. Es gibt Neuigkeiten.“ Verdammt, dachte Jan, wie soll man denn hier auf dem Hof antreten, wo wir hier doch angeblich auf einem Schiff sind?
Der fiese Nieselregen vom frühen Abend hatte sich zu einem noch fieseren Dauerregen entwickelt. „Meine Herren, stellen sie sich alle in drei Reihen auf. Das richtige ausrichten werden wir die nächsten Tage üben. Schon mal zur Probe: stillgestanden. Augen geradeaus. Rührt euch.“ „Was denn nun, stillstehen oder rühr`n. Mann, das geht mir hier alles auf den Keks.“ Jan dachte an sein schönes warmes Bett zu Hause. Innerhalb weniger Sekunden waren alle bis auf die Haut durchnässt. „Meine Herren, der Grund unserer nächtlichen Zusammenkunft ist folgender: morgen früh um fünf ist wecken. Sie duschen dann und sorgen dafür, dass ihr Deck aufgeräumt ist. Um sechs bringe ich sie dann zum Frühstück. Noch Fragen? Wenn nicht, dann wegtreten.“ „Ich habe eine Frage Herr Offizier.“ . . . . . Kam eine piepsige Stimme aus der hinteren Reihe. “Sind sie verrückt geworden? Wenn sie mit mir sprechen, dann nennen sie zuerst ihren Dienstgrad, dann ihren Namen und stellen dann bei Erlaubnis die Frage. Ist das klar!“ „Klar Herr Offizier.“ „Flintbach, Herr Offizier ist mein Name“ „Das heißt nicht klar Herr Offizier sondern: Jawohl Herr Obermaat. Ich bin hier kein Offizier, sondern Obermaat. Das entspricht beim Heer dem Unteroffizier. Also Matrose Flintbach stellen sie ihre Frage“ „Hätten sie uns diese Mitteilung nicht drinnen machen können? Wir haben doch nun unsere ganzen Sachen nass.“ „So so, sie haben ihre ganzen Sachen nass. Sie sind wohl noch ein kleines Weichei. Das werden wir ihnen in den nächsten drei Monaten ihrer Grundausbildung noch austreiben. Matrose Flintbach sie haben Recht. Ich hätte ihnen diese Mitteilung auch drinnen geben können. Meine Herren: Stillgestanden, wegtreten in die Decks. Ich wünsche ihnen einen gesunden Schlaf!“
Es folgte eine dreimonatige Grundausbildung im Marinehandwerk. Die Ausbildung teilte sich in den militärischen und den fachlichen Bereich. Fachlich hieß in diesem Fall das Jan und seine Kameraden auf ihre Zukunft an Bord als Elektriker vorbereitet wurden. Ansonsten wurde marschieren, schießen, ausrichten, Dienstgrade lernen, Maskenball und Deck reinigen geübt. Der Maskenball war eine besondere Art der Schikane fast an jedem Wochenende. Die Mannschaften mussten in ihrer Ausgehuniform nach dem Mittagessen auf dem Kasernenhof antreten und wurden gemustert. Dann hieß es innerhalb von drei Minuten im Kampfanzug erscheinen. Danach hatten die Rekruten wieder drei Minuten Zeit, sich im Blaumann auf dem Hof einzufinden. Dieses Spielchen wiederholte sich dann noch mit den Sportklamotten und der zweiten Ausgehuniform. Die Maskerade war dann beendet und alle durften auf ihre Decks verschwinden. Der Spieß setzte dann eine Spindkontrolle an. Durch das Tohuwabohu der letzten Minuten sahen nun natürlich alle Spinde aus, als ob sie noch nie aufgeräumt worden waren. „Wie sieht denn ihr Spind aus? Mann sehen sie zu das sie das in Ordnung bringen. Meldung bei mir, wenn alles OK!“ Jan dachte etwas zu laut: du blöder Arsch. Durftest du letzte Nacht nicht an deine Alte ran oder warum bist du so bescheuert? „Matrose Webau. Was grummeln sie da in den Bart?“ „Matrose Webau meldet das er nicht in den Bart gegrummelt hat. Matrose Webau wird sich daran machen seinen Spind aufzuräumen um ihn dann bei ihnen verspätet abzumelden.“ Diese Schikane der Unteroffiziere und des Spießes kostete allen Rekruten immer den Freitagnachmittag. Bis alle Spinde erneut abgemeldet waren, war der Nachmittag gelaufen und niemand kam vor achtzehn Uhr zum Bahnhof.
Die lauten Unteroffiziere wurden am Ende der Ausbildung ganz normale Kumpels. Wenn kein höherer Dienstgrad in der Nähe war dann durften die Matrosen sie auch mit dem Vornamen ansprechen. Am letzten Tag in Brake gab es große Abschiedsszenen. Inzwischen kannten sich alle Matrosen schon beim Vornamen. Jan hatte Jürgen im Laufe der letzten drei Monate kennen gelernt. Die beiden unternahmen abends immer etwas gemeinsam im Kaff, wie sie Brake nannten. Der Zufall entschied, dass sie zusammen auf dasselbe Schiff kommen sollten.
„Am ersten Juli 1975 haben sie sich im Laufe des Tages auf der Fregatte Braunschweig in Wilhelmshaven einzufinden…“ Jan zitierte seinen Versetzungsbefehl. „Toll, da fahren wir gemeinsam rüber. Montag müssen wir da auflaufen.“
Viele Matrosen waren an diesem Tag im Hafengebiet unterwegs um ihre Fregatten, Minensuchboote oder Zerstörer zu suchen. Sie kamen alle von den Grundausbildungen ihrer Fachrichtungen.

Ausrüstung der F225

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Roland

Kapitel 0 F225 Vorwort

Jahre nach der Fregattenzeit habe ich einige Geschichten, die auf der F225 passiert sind, für mich privat aufgeschrieben. Dazu habe ich ein Tagebuch, welches ich während der Stanavforland 1976 geführt habe, mit in die Geschichten integriert. Vielleicht, man weiß es nicht, ist auch etwas Seemannsgarn dabei.
Auf der Braunschweig war ich von Juli 1975 bis Ende Juni 1976 als 43ger in der Schiffssicherung. In den Geschichten, das sind wahrscheinlich 28 Kapitel, findet man mich unter Pseudonym Jan Webau wieder. Ab Kapitel 10 werde ich versuchen, Bilder in die Geschichten mit ein zu bringen. Die Bilder habe ich im Moment noch nicht, müssen von Dias noch digitalisiert werden. Die Nachnamen von anderen Protagonisten auf der Braunschweig habe ich verändert. Die Vornamen oder Spitznamen sind gleich geblieben. Vielleicht finden sich ja einige von Euch in den Storys wieder.
Und nun viel Spaß beim Lesen wünscht Karl-Heinz Wesemann
Die wahren Geschichten beginnen mit: Kapitel 1 Brake Grundausbildung

Vielen Dank an Karl Heinz für die Kurzgeschichten

Taufe der F225 am 3. Februar 1963

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Roland

 

Kiellegung der F225 am 28 Juli 1960

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